Thomas Händel

Thomas Händel

Seit fünf Jahren ist Thomas Händel Mitglied der Fraktion der Linken im Europaparlament. Der ehemalige hauptamtliche Gewerkschafter aus Franken kümmert sich vor allem um die Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik und den Verbraucherschutz. Auf dem Europa-Parteitag der Linken in Hamburg am 15. Februar 2014 ist Thomas Händel von den Delegierten als männlicher Spitzenkandidat auf Platz zwei der Europaliste gewählt worden. Die Frage sei nicht „mehr oder weniger Europa“, ist Händel überzeugt. „Europa ist Realität, die nicht wegzuleugnen ist. Aber Europa braucht soziale Gerechtigkeit, menschenwürdige Arbeit, wirksamen Verbraucherschutz, Bildung und öffentliche Daseinsvorsorge. Ein unsoziales Europa ist zum Scheitern verurteilt, mit verheerenden Folgen.“

Woher er kommt, wird bei Thomas Händel schon bei der Begrüßung klar. Der feste Händedruck und ein klangvolles „r“ im „Grüß Gott“ offenbaren den Arbeiter und Franken. Thomas Händel, 1953 in Nürnberg geboren, hat bei Grundig in Fürth Elektromechaniker gelernt und war danach im Unternehmen als Werbesachbearbeiter tätig. Er wurde Mitglied der IG Metall, für sie zum Jugendvertreter und in den Betriebsrat gewählt. Er studierte, seine Gewerkschaft machte es ihm möglich, an der „Akademie für Arbeit“ in der Universität Frankfurt am Main. Danach wurde Händel dort Assistent für den Lehrbetrieb unter anderem für Professor Wolfgang Abendroth.

Die Begegnung mit dem legendären Theoretiker der Arbeiterbewegung hat Händel geprägt. „Ein Professor ohne Standesdünkel, ein Marxist mit festem Kompass und ohne Scheuklappen – das war für mich wie eine zweite Lehrzeit.“ Der Politologe und Jurist Abendroth (1906 – 1985) verkörperte in seinem Leben die wechselvolle Geschichte der Linken: KPD-Mitglied in der Weimarer Republik, Antistalinist und Verfolgter des Naziregimes. Autor gewichtiger Bücher wie „Sozialgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Nestor der „Marburger Schule“ kritischer Wissenschaftler. Verfechter einer kämpferischen Gewerkschaftspolitik. SPD-Mitglied und wegen Unterstützung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) 1961 aus der SPD ausgeschlossen. Nicht ohne Grund ist Thomas Händel heute Vorstandsmitglied der "Wolfgang-Abendroth-Stiftungsgesellschaft. Zudem auch stellvertretender Vorsitzender der „Rosa-Luxemburg-Stiftung“.

In der Gewerkschaftsbewegung hat Thomas Händel mehr als nur eine politische Heimat gefunden, er wurde für sie beruflich tätig. Ab 1979 war er Mitarbeiter im Vorstand der IG Metall, die ihn unter anderem auch als Vertreter in den damals bedeutsamen bundesweiten Koordinierungausschuss der Friedensbewegung schickte. Auf dem Höhepunkt der atomaren Nachrüstung mit US-amerikanischen Pershing-Raketen und Cruise-Missiles Anfagn der 80er Jahre bewegte die Friedensbewegung mit hunderttausenden von Demonstranten die Republik und erschütterte die SPD. Auf der größten Demonstration am 29. Oktober 1983 sprachen in Bonn vor 400 000 Teilnehmern sprachen Willy Brandt, Günter Grass, Petra Kelly, Oskar Lafontaine und Martin Niemöller.

Aus dem IG-Metall-Vorstand wechselte Thomas Händel 1987 nach Fürth, dort arbeitete er von 1987 bis 2012 als Geschäftsführer der Verwaltungsstelle, wurde Aufsichtsrat der Grundig AG und ehrenamtlicher Richter am Landesarbeitsgericht. In etlichen Tarifrunden der Metall- und Elektroindustrie war er Mitglied der Streikleitung.

Mitglied der SPD war Händel seit 19..., doch spätestens seit den Einschnitten von Bundeskanzler Gerhard Schröder in die sozialen Sicherungssysteme der Arbeitslosen, vertiefte sich der Graben zwischen den Sozialdemokraten, die ihre Partei nicht mehr als Sachwalter der abhängig Beschäftigten und Arbeitslosen erleben mussten und denjenigen, die mit der „Agenda 2010“ den neoliberalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft tatkräftig vorantrieben.

Zusammen mit Klaus Ernst, IG-Metall-Bevollmächtigter im benachbarten Schweinfurt und anderen verfasste Händel im März 2004 einen Aufruf zur Gründung der "Initiative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit". Die Initiative verstand sich als Gegenpol zum „Agenda“-Kurs der SPD-Führung. Im Juni 2004 wurde Händel deshalb, ebenso wie die fünf anderen Verfasser des Gründungsaufrufes, ohne Anhörung aus der SPD ausgeschlossen.

Die "Initiative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit" schloss sich mit der globalisierungskritischen "Wahlalternative" zum Verein "Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit e.V." zusammen, daraus entstand im Januar 2005 die Partei "Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative", kurz WASG. Thomas Händel war eines der vier geschäftsführenden Vorstandsmitglieder und Bundesschatzmeister der WASG, die sich 2007 mit der PDS zur Partei "Die Linke" zusammenschloss.

In seiner Zeit als Europaabgeordneter seit 2009 hat sich Thomas Händel im Europaparlament als Koordinator der Fraktion im Ausschuss für Beschäftigung und Soziales und als stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Währung hervorgetan. Er ist zudem Mitglied der Paritätischen Parlamentarischen Versammlung afrikanischer, pazifischer und karibischer Staaten. „Europa ist wichtiger, als die meisten wissen“, betont Händel. Fast 80 Prozent aller Lebensumstände der Menschen hierzulande werden mittlerweile von der europäischer Ebene geprägt. „Wir haben daher als Linke eine große Verantwortung, für soziale und gerechte Verhältnisse auf europäischer Ebene einzutreten. Europa darf nicht länger der Profitgier des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ausgeliefert bleiben.“

Seinen Wahlkampf für das EU-Parlament wird Händel mit den Themen bestreiten, die ihm als Gewerkschafter am besten liegen. „Wir kämpfen für ein solidarisches Europa mit guter Arbeit.“ Die gute Idee der Freiheit und Freizügigkeit in Europa dürfe nicht länger diskreditiert werden. „Europa darf nicht zum Verschiebebahnhof für Arbeitskräfte und als Steinbruch für den Abbau von Sozialstandards dienen“, fordert Händel.