
Im Juli 2010 fand in Istanbul das europäische Sozialforum statt. Thomas Händel hat die Teilnahme einer jungen Aktivistin der Linksjugend, des Jugendverbandes der LINKEN, gefördert. Hier ist der Bericht von Franziska Blendin:
„Eindrücke vom ESF in Istanbul – 1.-4.7.2010
Das ESF fand in diesem Jahr in der Technischen Universität von Istanbul statt. Die Schlafplätze waren zwar in einer großen Turnhalle im asiatischen Teil der Stadt, eine Stunde vom Campus entfernt. Die Teilnehmerzahl war deutlich kleiner als in Malmö. Leider war die Organisation in vielen Punkten chaotisch: Einige Workshops waren in englischer Sprache angekündigt, wurden dann aber leider in französisch oder türkisch– ohne Übersetzung – durchgeführt.
Gerade die Frage von „Wasser als öffentlichem Gut“ hätte mich sehr interessiert. Andere fielen ganz aus. Allerdings wäre es bei derartig großen Events auch verwunderlich, wenn alles wie im Lehrbuch funktionieren würde. Ich nahm an verschiedenen Workhops teil, unter anderem „Struggle against right activism“ "What is communalism in its basic ideas“ oder auch “Knowledge and emancipation”.
„struggleagainst right activism“ war ein Bericht von Antifaschisten aus Moskau. Es war sehr interessant, da antifaschistische Arbeit dort eine ganz andere Dimension hat. Anscheinend wird Faschismus in Russland anders bewertet als in Deutschland. Selbst Priester, die teilweise eine sehr große gesellschaftliche Rolle im orthodoxen Russland spielen, laufen manchmal in der erste Reihe einer Demo von Nationalisten mit. Faszinierend war, wie die Antifaschisten damit umgehen. Sie haben mit Kunstausstellungen über Vorbilder der antifaschistischen Bewegung oder auch Fußballturnieren aufmerksam auf das Thema Faschismus in Russland gemacht. Besonders ein Antifaschistisches Turnier unter dem Motto „Love football - hate fascism“ hat viel Aufsehen erregt, da häufig Fußball und Aktivität von faschistischen Organisationen in der Fanszene sehr eng miteinander verwoben sind.
„What is communalism in its basic ideas“ war recht interessant, da ich mich zwar mit dem Thema schon häufig beschäftigt habe, aber gerade auf solchen internationalen Treffen immer neue Sichtweisen und Berichte dazu kommen. Man bekommt Erfahrungsberichte zu hören, wie tatsächlich das Zusammenleben der jeweiligen Projekte in verschiedenen Ländern aussieht. Ein großes Thema war, ob es denn auch gelingt, weniger linke bzw. politisch ideologisch unterschiedliche Menschen in einer Kommune zusammenzubringen .Das alternative Zusammenleben als politisch breit gefächertes Projekt. Wie wirkt sich das auf eine Kommune aus? Wie sieht dann gemeinsame Zusammenarbeit aus? Ist dann auch die Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Stadt anders? Und: Ist es positiv zu bewerten, wenn Kommunen offener werden? Das wurde dann vor allem an einem Beispiel aus Skandinavien diskutiert, weil jemand aus dem Publikum aus einem solchen Wohnprojekt kam. Es war sehr interessant, da er berichten konnte, wie auch eine positive Zusammenarbeit mit dem Kommunalparlament vor Ort aussehen kann, wenn man sich an einen Tisch setzen und miteinander reden kann ( und dies auch von Seiten der Stadtregierung nicht komplett abgeblockt wird). Was z.B. in Deutschland eher selten der Fall ist. Allerdings wurde es auch als problematisch beschrieben, mit Leuten, die teilw. pro-kapitalistisch, aber dem Lebensstil z.B. aus ökologischen Gründen zugetan oder eingestellt sind und damit häufiger Kontroversen bei politischen Projekten aufkommen, wenn es beispielsweise. um Solidarisierungen geht.
“Knowledge and emancipation” war besonders interessant, da die Seminarleiter von Anfang an versucht haben, mit der normalen Struktur zu brechen, indem direkt mit Kernfragen begonnen wurde, wie “Was ist eigentlich für jeden einzeln im konkreten Leben ein Moment der Emanzipation?” Es war jedem in diesem Seminar klar, dass man eine Frage wie „Was ist Wissen und Emanzipation?“ nicht für jeden gleich beantworten kann und es am Ende nach 3 stunden keine befriedigende Lösung geben wird, aber über Ansätze wie „Wie kann man Wissen jedem zugänglich machen?“, „Warum ist die Selbstemanzipation damit automatisch verknüpft?“ konnten zu einem Grundkonsens führen. Ohne einen Teil von Selbstemanzipation gibt es kein eigenes Bestreben nach Wissen. Wie kann man das eigene Verlangen nach Wissen fördern? Wie kann man die Bedingungen schaffen, dass Menschen sich soweit emanzipieren können und nicht daran von Staat, Gesellschaft etc. gehindert werden, was sind ideale Bedingungen für Wissen und Lehren?
Und natürlich gab es noch viele andere Workshops zu den verschiedensten Themenfeldern wie dem Krieg in Afghanistan, dem Nahost-Konflikt, Klimabewegung und Feminismus. Am Ende des ESF gab es Assemblys zu 5 Themenfelder. Am Education Assembly habe ich teilgenommen und fand es auch sehr interessant, allerdings wurde dort nicht nur an einem abschließenden Text gearbeitet. Es gab auch Kritik an der Art der Bildung, wie sie auf dem ESF praktiziert wurde: es gab zu viele Podiumsdiskussionen und Referate, wenig Raum für direkten Erfahrungsaustausch – das ESF als Vernetzungsplattform hat meist nur außerhalb des offiziellen Rahmens funktioniert.
Ich denke jedoch, daß das ESF für die Linksjugend [´solid] ein Erfolg war, da wir im inoffiziellen Programm viel mit Partnerorganisationen reden konnten und ein kleines „ENDYL“ (European network of democratic youth left)- Treffen hatten, wo unter anderem griechische , italienische, dänische, finnische und andere Partnerorganisationen vertreten waren. ENDYL ist ein Netzwerk von sozialistischen Jugendverbänden, welches seit 1994 existiert. Leider funktionieren die Kommunikationsstrukturen nicht immer, und die konkrete Arbeit bringt nicht viele Ergebnisse für die Bundesverbände vor Ort. Es wurde deswegen darüber diskutiert, wie man die Struktur von ENDYL wiederbeleben (oder auch neu schaffen) kann und was in der gemeinsamen Zusammenarbeit überhaupt möglich ist, z.B. eine gemeinsame Kampagne zu Themen wie dem Bologna-Prozess oder zu dem Erstarken der rechten Partein in Europa, oder auch wie man evtl. gemeinsame Groß-Events zu organisieren und wie.
Alles in Allem war das Europäische Sozialforum eher ernüchternd, diese Entwicklung war allerdings nach den letzten 2 auch voraussehbar. Für uns als Organisation war es aber aufgrund der verschiedenen Treffen und der vielen Möglichkeiten, sich fortzubilden, eine sehr gelungene Veranstaltung, und ich denke, dass jeder aus unserer Delegation mit neuen Ideen, Kontakten und Materialen nach Hause gehen konnte.
Eure Franziska“
Und wir sagen: Danke, Franziska! Wir hoffen, es hat dir neben den vielen neuen Eindrücken und Einsichten vor allem Spaß gemacht. In jedem Fall: Weiter so!
Thomas und das Team